Der "Magic Table"

Mutabor- ich werde mich verändern

Das Zauberwort des Kalif Storch

 

Eine Hommage an einen Tisch

 

Da steht er, mitten im Raum und seine stumme Einladung, sich an ihm niederzulassen, ist deutlich wahrnehmbar.

Er ist es, der das Bild ausmacht, die anderen, kleineren Tische verschwinden aus meiner Sicht als wären sie nicht vorhanden.

 

Hier treffen wir uns morgens zum Frühstück, sitzen hier kurz, und in Vorfreude auf die Ereignisse des Tages geht es dann grüppchenweise und munter plappernd raus in die Stadt.

 

Zum Ende des Tages dann, meist wohlig müde und diesmal in Vorfreude auf die Abendmahlzeit, haben wir richtig Zeit mitgebracht. Zeit zu genießen, Zeit zu erzählen.

 

Fangen wir mit dem Genuss an:

 

Das Essen ist herrlich fremd, zwar wissen wir darum, aber es bleibt diese immer wiederkehrende wohltuende  Erfahrung, überrascht zu werden.

So fremd aber auch so gut.

 

Daher auch das sofort einsetzende Suchen im eigenen Geschmacksrepertoire nach sicher oder vermeintlich identifizierten Zutaten.

Wie wir nun mal sind, wollen wir gern das Rezept, wollen den Dingen auf den Grund gehen.

 

Und es wird kein Geheimnis daraus gemacht, wer möchte kann sogar live in der Küche mittun und einen Kochkurs buchen.

 

Sicherlich wird man mit den dabei neu erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten die Gäste des nächsten Sommerfestes zu Hause überraschen oder vielleicht auch beeindrucken können, das Erlebnis von heute und an diesem Tisch wird es nicht wiederbringen.

 

 

Nicht nur die Rezeptur der Mahlzeiten wollen wir in unseren geistigen Besitz einfügen, irgendwie hätten wir auch gern die Bedienungsanleitung für Marrakesch, das Benutzerhandbuch für die Medina, die zehn ultimativen Regeln für das Handeln in den Souks.

Ja, dann wären wir fein raus, hätten alles im Griff in dieser doch so regellos scheinenden Stadt.

 

Darüber tauschen wir uns aus, abends, an diesem Tisch.

 

Ein jeder hat etwas erlebt, etwas zu erzählen, ein jeder trägt den einen oder anderen Mosaikstein in der Tasche und packt ihn aus. Man sitzt um den Tisch herum, lauscht gebannt und stellt dabei  fest, dass man sich  plötzlich neu sortiert, die eigene Wahrnehmung neu bewertet, alte Bilder bereitwillig durch neue ersetzt.

 

An diesem Tisch, in dieser gespannten Atmosphäre werden die Gehirne gehackt. Betonwände im Kopf werden eingerissen und die Steinmühle knackt unaufhörlich.

Das ist das Ende des rechtwinkeligen Denkens.

Vielleicht auch das Ende der Ordentlichkeit. Unserer Ordentlichkeit.

Die Ordnung dieser Art des Lebens, dieses Erlebens, die Anordnung des Erlebten, die Regeln im Hintergrund sind davon unberührt. Vielleicht offenbaren sie sich uns irgendwann.

Jetzt müsste ich eigentlich auf Mosaike zu sprechen kommen, das passt aber gerade nicht.

Denn:

Immer mehr neue Themen, immer mehr neue Sichtweisen kommen ins Spiel.

Immer größer wird unser Staunen, immer größer wird unsere Verunsicherung.

Wir haben den Heimathafen verlassen, wir schwimmen.

Eines immerhin ist tröstlich:

Wir sitzen alle im selben Boot und fahren auf dem Meer. Mit Wogen und Wellen.

Hier gibt es nichts zu lernen, hier gibt es nichts, was erklärt werden müsste, hier wird nur erlebt.

Alle sind gleichermaßen betroffen, auch die, die die Reise schon öfter gereist sind.

Eine etwas kürzere Anpassungszeit und auch die geringere Scheu davor könnte deren geringer Vorteil sein.

So sitzen wir denn in unserem Boot und bemühen uns, unsere Maßstäbe von zu Hause loszulassen.

 

Eine spontane Illustration:

Dante wird mir verzeihen, wenn ich sein Zitat in Inhalt und Sinn verbiege...

Er schreibt:

"Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren"

Ja, dieser Text steht über dem Eingang zur Hölle.

 

Für uns könnte das so passen:

Lasst alle Hoffnung fahren, mit euren bisherigen Kenntnissen und Werkzeugen die hiesige Welt zu verstehen und zu durchdringen. Mit dem von zu Hause mitgebrachten Verständnis der Welt wird das Leben hier schnell zur individuellen Hölle.

Vor allem das scheinbare Fehlen jeglicher Regeln macht dann das Leben äußerst schwer.

Auch wenn das gar nicht so ist, aber es sieht erstmal so aus. Schrecklich, kulturlos , chaotisch! Von Lärm, Enge und Unordnung " im Allgemeinen" mal ganz abgesehen.

 

Werfen wir also besagte Kenntnisse und Werkzeuge über Bord. Lass fahren dahin...

 

Wäre das nicht die richtige Ausgangshaltung, um möglichst ohne Voreingenommenheit einfach Erleben zuzulassen?

 

Oder es wenigstens zu versuchen.

 

Ich will es versuchen.

 

Mutabor- ich werde mich verändern.

 

Ich werde toleranter werden.

Und Toleranz heißt nicht nur, Anderen und Anderem die Daseinsberechtigung zu

lassen, Toleranz ist auch die eigene Befreiung von beschränkter Sichtweise und zugestellten Perspektiven. Das Wegwerfen von unnötigem Ballast eben.

 

Gut jetzt, genug des Sezierens.

 

Um auf den Punkt zu kommen:

die Stadt verändert jeden, der offen dafür ist, der es will.

 

Und am großen Tisch ist es Abend für Abend intensiv zu erleben.

 

Es ist nicht der Tisch, der die Gäste verändert, aber er ist ein sehr wirksamer Katalysator.

 

Oder ist es doch der Tisch ?  Warum eigentlich nicht ?

Eine irrationale Erklärung, wenn es so etwas gibt.

 

 

 

Und eins noch:

 

"Was in Marrakesch passiert ist, bleibt in Marrakesch".

 

Ich habe diesen tumben Text leider auch schon  hier an einem Touristenstand auf einem Schild gelesen.

 

Nix da Freunde, was mit mir passiert ist, nehme ich mit nach Hause. Unbedingt und gerne.

 

Und noch eine Anmerkung:

Reisen bildet, Reisen erweitert den Horizont, Reisen verändert den Reisenden, ich weiß, das ist immer so.

Aber eben nicht so wie hier, nicht so  kompromisslos und nicht so freudig, nicht so bunt und taumelnd, einfach nicht so. Anderswo ist es auch großartig, aber nicht so.

 

Zu guter Letzt:

 

Ich weiß nicht, ob es irgendwo noch weitere solcher Tische gibt.

 

Ich bin aber froh, dass ich diesen einen kenne.

 

Und auch, dass ich an ihm gegessen habe.

Und das war auch mehr, als  einfach nur gutes Essen zu essen.

Das hat auch verändert.

So fremd und auch so gut.

 

Soweit für heute